Eine Hochzeit. Fest in drei Akten. Akt I: Kitchen Party.

Gloria hat bis zum Februar ein Praktikum in der Verwaltung des Amana Krankenhauses gemacht. Seitdem ist sie unsere Freundin. Ihre Schwester heißt Grace und ist gerade in einem spannenden Lebensabschnitt. Sie heiratet.

Dank unserer Verbindung zu Gloria konnten wir ihre Hochzeit miterleben, teils eingeladen, teils eingeschmuggelt. Sie wurde in drei Teilen gefeiert, wie viele tansanische Hochzeiten. Angefangen hat sie mit der Kitchen Party, ein Fest für die Braut, zu dem nur Frauen eingeladen werden. Es dient dazu, der Braut unter gleichgeschlechtlichen Augen Tips für das Eheleben und eine Menge praktischer Geschenke mitzugeben, natürlich in Form von Küchenausstattung. Obwohl fast alle Frauen, denen ich hier begegnet bin, berufstätig sind, sind sie gleichzeitig auch Hausfrauen und sehen die Küche als Platz der Frau und Hausarbeit als ihre natürliche Aufgabe.

Eines Sonntages machte ich mich also auf den Weg nach Banana, um dort Gloria zu treffen, mit ihr das Dala nach Gongo la Mboto zu nehmen, um dort ins Dala nach Chanika zu steigen, und von da aus auf verschlingerten Sandwegen zum Haus ihrer Cousine zu fahren, wo das Fest stattfand.

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Der Weg war weit, aber die Vorfreude groß. Es war spannend, mal in eine Ecke Dar Es Salaams zu kommen, in der ich selbst noch nicht war und in der aber viele meiner Patienten und Kollegen wohnen. Diesen langen Weg (insgesamt anderthalb Stunden, ohne Stau) nehmen also viele von ihnen täglich zweimal auf sich. Alltag in Dar.

Natürlich war ich ein bisschen aufgeregt, auf so eine Veranstaltung zu gehen, auf der ich noch nie war und wo ich nicht weiß, welche Regeln gelten. Aber ich hatte Gloria natürlich vorher mit Fragen gelöchert und so zumindest zwei Gründe, aufzufallen, ausgeschlossen:

1): Ich hatte ein küchenrelatiertes Geschenk dabei
2) Ich hatte eine Dela an (keine Ahnung, wie man das richtig schreibt), ein bodenlanges und oft buntbedrucktes Kleid, das hier die meisten Frauen tragen.

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Unscharf, aber grün.

Vor dem Haus von Glorias Cousine, Mama Toni (gerufen nach ihrem Sohn), saßen mehrere alte Frauen und begrüßten uns mit einem freudigen “Kilililili”, dem Festruf (mir ist übrigens gestern aufgefallen, dass sich dieser Ruf und das Kiswahiliwörter für Lärm, “kelele”, und Unsinn, “kilele”, auffällig ähnlich sind. Keine Ahnung, ob Zufall oder nicht). Es wurde gekocht, in riesigen Aluminiumtöpfen draußen auf dem Hof brutzelten Hühnchen und kochte Reis über Holzkohlefeuern. Das sah für mich nach einer riesigen Anzahl Gäste aus, aber Gloria beruhigte mich, es sei nur ein kleines Fest geplant, “bloß sechzig Gäste”.

Auch im Haus waren die Vorbereitungen in vollem Gange. Es war Mittagszeit, die Gäste kamen langsam an, alle halfen mit: Geschirr spülen, fegen, Kassensturz machen. Solche großen Feste werden hier oft mit finanzieller Hilfe von den Gästen organisiert, da die Ausgaben alleine kaum zu stemmen sind. In der Einladung für Kitchenparties und andere Hochzeitsfeste findet sich immer auch eine Bitte um finanzielle Contribution.

Bevor das Fest richtig losging, wurden die letzten Vorbereitungen vom Mittagessen unterbrochen. Wir aßen zusammen im Wohnzimmer, auf Teppichen sitzend. Es wurden volle Teller ausgeteilt, an Ältere und Gäste zuerst, und dann kam ein großer Kinderteller, von dem die anwesenden Kinder gemeinsam aßen. Da wir mit den Händen aßen, ging vorher extra eine von Glorias Cousinen mit Schüssel, Wasserkrug und Seife von Gast zu Gast, als mobile Handwaschstation.
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Es gab: wali (Reis), pilau (Gewürzreis), ndizi (Kochbananen in Sauce), kachumbali (Salat), kuku (Hühnchen) und eine unglaublich leckere Kartoffel, hehe. Lecker und reichlich, ich habe lange gekämpft und aber doch nicht alles geschafft.

Nach dem Essen wurde noch einmal fix durchgefegt und gewischt, für die Älteren ein paar Stühle aufgestellt, die Hauptrednerin mit großem Beifall begrüßt, und das Make-Up aufgebessert.
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Und dann ging es los – die Braut war angekommen! Grace wurde ebenfalls mit lautem Beifall und Musik begrüßt und nahm auf einer extra abgetrennten und geschmückten Bühne Platz.

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Gestartet wurde mit einer Runde Tanz – alle Gäste standen auf, tanzten im Kreis zu lautem Taarab, sangen mit, lachten. Dann begann die Hauptrednerin mit ihrer langen Rede. Viel habe ich nicht verstanden, aber es wurde laut gelacht, zwischendurch geklatscht, die Rede immer wieder mit Zurufen kommentiert – und ungefähr alle zehn Minuten wurden wir durch Musik wieder zum Tanz aufgefordert.

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Manches von der Rede hat Gloria mir übersetzt, zum Beispiel den guten Ratschlag, das Hausmädchen (sofern vorhanden), nicht zu viele Aufgaben übernehmen zu lassen, damit sie ihr Tätigkeitsfeld nicht auch auf andere Bereiche ausweitet, die eigentlich der Frau im Hause zustehen – zum Beispiel der Beziehung zwischen Mann und Frau. Unterwäsche beispielsweise solle Grace lieber selber waschen, sowohl ihre als auch die ihres Mannes.

Auch andere Rednerinnen, samt und sonders schon verheiratete Frauen, meldeten sich zu Wort und bedachten Grace mit guten Ratschlägen. Zum Beispiel solle sie sich gut mit ihren Nachbarn stellen, da Nachbarschaftshilfe eine wichtiger Teil des Alltagsleben sei. Und sie solle es akzeptieren, wenn es schwierig sei, eine gute Beziehung zu ihrer Schwiegerfamilie aufzubauen und sich nicht dazu zwingen, Leute zu mögen, die sie eigentlich nicht mag

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Zwischendurch gab es Kuchen. Der kam, dem Thema getreu, in Form eines Gasherdes inklusive Topf, Deckel und Kochlöffel und bestand aus Biskuit und Zuckerguss. Es war Graces Aufgabe, den Kuchen anzuschneiden und jeden der vorbeitanzenden Gäste mit einem Stück Kuchen zu füttern. Dazu gabs jedes Mal ein Beweisfoto – der Fotograf und der DJ, Graces und Glorias Bruder, waren übrigens die einzigen zwei männlichen Anwesenden (bis auf die Kinder).

Als letzten Festordnungspunkt gab es Geschenke. In Gruppen tanzten die Gäste an der Braut vorbei und überreichten ihre Geschenke. Und zwar nicht, wie ich das gewohnt bin, eingepackt, sondern alles wurde ganz offen präsentiert und überreicht. Stoffe wie kangas und kitenge wurden der Braut umgehangen und ihr außerdem die Hand gegeben und gratuliert. Es wurden Haushaltsgegenstände verschenkt: Porzellan, Kochtöpfe, Ausrüstung zum chapatibacken und Reis auslesen und ähnliches. Grace hatte Hilfe von Gloria und einer Cousine, um die ganzen Geschenke anzunehmen und zu verstauen.

Nach der Geschenkeübergabe gab es noch eine Runde Tanz und dann war das Fest um ungefähr 21:00 erstaunlich schnell vorbei. Anders als bei uns gab es einen Schlusspunkt und kein offenes Ende, die Gäste sind alle relativ gleichzeitig verschwunden.

Wir haben dann noch abgewaschen, die Geschenke sicher verpackt und auf Glorias anderen Bruder gewartet, der uns nach Hause chauffiert hat. Als ich da so auf der Rückbank vom Auto saß, mit Gloria Kuchenreste futterte, dem heiteren Gespräch lauschte und durch die Dar Es Salaamer Nacht fuhr, war ich so froh. Ich fühlte mich willkommen und auf eine merkwürdige Art gleichzeitig außenstehend und heimisch, und wir hatten einen schönen Tag und ein ausgelassenes Fest gehabt (auf dem übrigens kein Tropfen Alkohol geflossen war).

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Danke, Gloria, asante sana, dass du mich mitgenommen hast.

 

Mein liebster Feind

Pegida. AfD. Oah nee, würde ich denken, wenn ich an eurer Stelle diesen Anfang lesen würde. Nicht schon wieder ein Text, der dem bis zur matschigen Autobahn aufgetretenen Pfad folgt, auf dem unsere moralisierenden Zeigefinger wandeln.

Texte, in denen man sich über das neue, organisierte und wachsende Gesicht der Fremdenfeindlichkeit auslässt, es verteufelt oder sich darüber lustig macht, gibt es nämlich wie Sand, nur mehr. Zwei Minuten auf facebook bieten mir dazu ungefähr 5432 Links an.

Everyone loves to hate Pegida und AfD. Zu Recht, die erzählen ja auch Blödsinn.  Aber warum dieser Hass, der in mir hochwallt, wenn ich AfD-gefärbte Kommentare unter Tagesschaubeiträgen lese? Diese Aggression, die mich schon wieder in den Kampf gegen Windmühlen in Kommentarfeldern sozialer Medien treibt? Überhaupt, Kampf? Was ist das für ein Wort?  Als Christ behaupte ich, meinen Feind lieben zu wollen. Motiviere damit meine Mitmenschlichkeit. Ausgerechnet meine Mitmenschlichkeit gegenüber Einwanderern und Asylbewerbern.  Feinde nenne ich die neue Rechte.

Es fällt mir leicht, mich von ihnen provozieren zu lassen, und so schwer, auch in Pegidaanhängern menschliche Menschen zu sehen. Obwohl ich weiß, dass jeder Mensch Mensch ist. Oder das zumindest, tief in mir, nicht immer, aber immer wieder glaube, darauf vertraue, darauf hoffe. Warum schaff ich es nicht, sie als Menschen zu sehen, mit Ängsten, mit Bedürfnissen, wenn ich ihnen begegne?

Nunja, zum einen liegt das daran, dass sie wirklich gefährlichen Blödsinn verzapfen. Fremdenhass, egal in welcher Form, halte ich für ebenso dumm wie gefährlich. Zum anderen ist es aber auch einfach bequem, Feind Feind sein zu lassen. Es ist  erleichternd, wenn jemand anderes der Böse ist. Jemand, der ich nicht selbst bin.
Dass es angenehm ist, das Böse nicht in sich selbst zu sehen, sondern im Anderen, im nicht-Ich, im Fremden, ist vielleicht etwas, das wir alle gemein haben. Wenn wir uns auf das Böse im Anderen konzentrieren, haben wir nämlich gar nicht mehr so viel Zeit, darüber nachzudenken, wie das bei uns selbst so ist. Dorn und Balken und so. Wenn das Böse außerhalb existiert, dann ist ja die naheliegende logische Fehlleistung, dass für Böses in mir selbst kein Platz bleibt. Und das passt mir ganz gut in den Kram, schließlich will ich ja ein Guter MenschTM sein.

Wenn ich auf diese Art abgelenkt bin, brauch ich mir auch nicht die Frage stellen, warum ich da irgendwie so viel Schlechtes sehe. Dabei ist die Welt zu einem Teil bloß meine Leinwand. Ich projiziere.

Deswegen fällt es mir auch so schwer, zuzugeben, dass ich eigentlich auch ein bisschen Angst davor habe, so viele Neuzugezogene zu integrieren. Es schabt auch ziemlich, wenn ich daran denke, dass ich so spontan Franzosen und Briten interessanter finde als Syrer und Afghanen. Und es fiel mir schon in der Grundschule leichter, mich mit Kindern mit gewohnten Namen anzufreunden als mit Kindern mit Namen, die ich nicht kannte. Es ist auch ein bisschen befremdlich, wie früh ich überhaupt die Fähigkeit hatte, vermeintlich deutsche oder europäische Namen von außereuropäischen Namen zu unterscheiden. Und es grämt mich, dass ich Menschen, die andere Gesichtszüge und eine andere Hautfarbe haben als ich, in meiner ersten spontanen Einschätzung für weniger intellektuell halte als solche, die mir ähnlicher sehen.  Manchmal auch noch in meiner zweiten Einschätzung. Manchmal auch noch in meiner dritten.

Eigentlich weiß ich ja, dass das alles nicht stimmt. Meine Vernunft sagt mir, dass es in jeder beliebig definierten Gruppe von Menschen eine ähnliche Verteilung von Gut und Böse, Freundlichkeit und Unfreundlichkeit, Intelligenz, Kreativität, Initiativreichtum und ja, allen anderen menschlichen Eigenschaften gibt. Ich weiß auch, dass meine Kultur mir eingebläut hat, diese Eigenschaften nur in bestimmten Formen zu erkennen. Und mit diesem Wissen schaffe ich es manchmal, fremderleuts Handlungen neu und anders zu interpretieren. Ich weiß, dass es im Fremden oft das Ungewohnte, Neue, Andere ist, das mich misstrauisch werden lässt. Das mir spontan die Warnleuchten „gefährlich!“ aufblinken lässt, obwohl es in sich nichts anderes ist als das für mich Ungewohnte, Neue, Andere.

Und TROTZ diesen Wissens und dieser ständigen mentalen Übung in Umbewertung (oder auch mal Nichtbewertung) von allem Ungewohnten komme ich nicht davon weg, an einem Menschen mit schwarzer Hautfarbe zu allererst die schwarze Hautfarbe wahrzunehmen. Und dann haue ich mir verschreckt auf die eigenen Gedankenfinger und hoffe, dass gerade niemand zufällig in meinem Gehirn vorbeigeschaut hat.

Es ist nicht einfach, das zuzugeben. Aber es ist wichtig, denn untergründige Angst und Misstrauen kanalisiere ich auf irgendeine Art. Zum Beispiel durch Hass auf Pegidaleute. Das trägt zur Verhärtung der Fronten bei. Und dadurch, dass ich meinen eigenen ungewollten Rassismus auf andere projiziere, werde ich ihn trotzdem nicht los. Der sitzt wo er sitzt und trägt dazu bei, dass die unter/bewussten rassistischen Strukturen, die es sich in unserem Zusammenleben gemütlich gemacht haben, weiter Menschen unterdrücken, die es zum Beispiel schwerer haben als ich, Arbeit oder Wohnung zu finden. Oder ständig Kommentare über ihr Aussehen, ihre Sprache oder Fragen nach ihrer Herkunft hören.

Es fällt mir schwer, dies zu schreiben und zu veröffentlichen. Fremdenhass ist in den Gruppen, in denen ich mich heimisch fühle, tabuisiert und verpönt. Gutmenschentum auf der anderen Seite auch. Damned if you do, damned if you don’t. Aber, wie man auf Schwedisch sagt: Trolle, die man aus ihrer Höhle ans Licht zerrt, versteinern und zerspringen.  Oder auch: Wahrheit ist der Weg zur Freiheit. Das hoffe ich jedenfalls.

Ich ging einmal zur Post

Eine der Situationen, die mir von unserem Auswahlseminar vor anderthalb Jahren am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist, war die Besprechung eines Beispiels für Korruption. Das Szenario war: Du bist in Tansania oder Nicaragua und hast ein Päckchen von zuhause bekommen. Der emotionale Wert dieses Päckchens, liebevoll bestückt mit Gummibärchen und Schokolade in Zeiten von Gummibärchen- und Schokoladeabstinenz, ist enorm. Du gehst zur Post, zum Schalter, und willst dein Päckchen abholen. Und dann sagt der Schalterbeamte: Kauf mir erstmal ne Cola. Was tust du?

Ja, was tut man da? Was würdet ihr tun? Ne Cola kaufen? Oder nicht? Oder streiten? Bei uns kamen jede Menge gute Vorschläge für Strategien, zum Beispiel: andere Postkunden drumherum mit einbeziehen, fragen, ob das das normale Verfahren ist, dass man für sein Paket eine Cola einlösen muss? Nach dem jeweiligen Vorgesetzen fragen, dem Schalterbeamten den Mund wässrig reden über die Gummibärchen im Paket, die man ja teilen könnte, wenn man nur das Paket ausgehändigt bekäme… und so weiter.

Als ich dann letzten Dezember das erste Mal zum zentralen Postbüro watschelte, um ein Paket in Empfang zu nehmen, hatte ich also dieses Szenario im Hinterkopf und habe natürlich erwartet, dass es mir genauso gehen würde. Am Schalter habe ich dann eine ältere und recht autoritäre Dame getroffen, die mich streng über ihre Brillenränder hinweg anguckte und mir verkündigte, dass sie mir das Paket nicht ausliefern kann, weil ich meinen Pass vergessen hatte. Zum Glück hatte ich meinen Pass mit dem Handy abfotografiert und konnte ihr die Fotos zeigen. Sie hat sich viel Zeit gelassen, meinen Paketschein zu lesen und auszufüllen, öfter mal Sachen falsch verstanden und, so wie ich das erlebt habe, ein bisschen meine Geduld auf die Probe gestellt. Wieder habe ich mich an mein Vorbereitungsseminar erinnert: mit Geduld, Freundlichkeit und Beziehungsarbeit kommt man weit bei Verhandlungen. Also habe ich geduldig gewartet, ihr zwischendurch erzählt, warum ich überhaupt in Dar bin, was ich mache, ich habe ihr von meinen Eltern erzählt, die mir dieses Paket extra zu Weihnachten gepackt und geschickt haben, und und und…. und am Ende hat sie das Paket dann tatsächlich geholt. Juhuu!, habe ich schon vorzeitig innerlich gejubelt, allerdings musste ich noch am Zoll vorbei. Das Paket lag dort schon auf dem Tresen, direkt vor meiner Nase und in unmittelbarer Griffweite. Verlockend. Das wusste wohl auch der ältere Zollbeamte, der mich etwas schräg anguckte und erstmal die Kunden bediente, die nach mir gekommen waren. In Seelenruhe. Als ich irgendwann Anstalten machte, das Paket einfach zu nehmen, abservierte er mich mit einem strengen “Subiri!!”, warte!!. Mit einem weiteren schrägen Seitenblick auf mich kramte er dann erstmal ein Messer unter dem Tisch hervor und legte es demonstrativ neben meinem Paket zur Ruhe. Ok, Geduld, dachte ich mir. Wenn ers öffnen will, kann ers ja öffnen. Wäre schade um die Weihnachtsüberraschungen, aber schon ok. Nach weiteren langen Minuten und anderen bedienten Kunden kam dann die Überraschung – zwei Stempel auf meinen Abholschein, und ich hatte das Paket ohne weitere Störungen in den Händen. Da war ich froh! Und schau an, ohne dieses Gedankenexperiment im Auswahlseminar hätte ich vielleicht gar nicht erst jemanden der Provokation bezichtigt, wenn auch nur in Gedanken.

Mit also inzwischen zwei, oder vielleicht eher anderthalb dieser Erfahrungen im Gepäck, bin ich gestern wieder nach Posta aufgebrochen, dem Stadtteil, der seinen Namen nach dem Sitz der zentralen Poststelle hat. (Schon das weist ja auf einen gewissen Pondus dieser Organisation hin.) Ich bin also extra früher los von der Arbeit, um den berüchtigten Nachmittagsstaus zu entgehen, füllte extra noch meinen launendiktierenden Blutzucker auf und kam am frühen Nachmittag entspannt bei der Paketabholstelle an. Als erstes erblickte ich die ältere Dame, die ich schon vom Weihnachtspaket kannte, und der ich trotz unkomplizierter Paketaushändigung gemischte Gefühle gegenüber hege. Ihre betonte Langsamkeit und demonstrativen Missverständnisse habe ich im Dezember nämlich doch irgendwie als unsympathische Machtdemonstration erlebt. Schließlich sitzt sie ja für mich auch in einer Machtposition – für die Auslieferung meines Päckchens bin ich ihr ja schließlich vollkommen ausgeliefert (HÖ HÖ HÖ HÖ HÖ).

Ich ging also zum Schalter, grüßte höflich nach allen Regeln der Kunst und händigte ihr meinen Abholschein aus. Nach den ersten überraschten Kommentaren meiner unerwarteten Kiswahilikenntnisse blickte sie wieder streng über ihre Brillengläser auf meinen Abholschein hinab und fragte, wie ich denn heiße. “Mirjam”, sagte ich wahrheitsgetreu. “Hier steht aber – – Mir-zan”, sagte sie. Was übrigens auch der Wahrheit entsprach, das Übertragen von Handschrift in Handschrift in Handschrift hat nun mal gewisse Ähnlichkeiten mit stiller Post. “Das Paket ist also nicht für dich”, sprach die Beamtin weiter. “Doch” sagte ich durch die Zähne meines strahlendsten Lächelns. “Du heißt aber nicht Mirzan”, sagte sie. “Stimmt”, sagte ich. “Ich bin Physiotherapeutin und arbeite als Freiwillige am Amana Krankenhaus”, sagte ich weiter. “Erinnern Sie sich nicht an mich?”. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich nicht an mich erinnerte, wie auch, sie trifft sicher Unmengen von Kunden täglich, und ich war das letzte Mal im Dezember da. Aber es wäre natürlich sehr unhöflich, sich nicht an jemanden zu erinnern, der eine Bekanntschaft behauptet, und unhöflich möchte ja eigentlich niemand sein, vor allem nicht hier. Höflichkeit und ein glattes, freundliches Gespräch ist hier das höchste Gut der öffentlichen und privaten Kommunikation. Also lautete die Antwort: “Doch, natürlich erinnere ich mich an dich, ich wollte nur mal testen, ob das wirklich du bist.”. Na klar. Aber ob wahr oder nicht, diese Frage und Antwort schlossen gewissermaßen einen Vertrag zwischen uns – in welcher Beziehung wir zueinander stehen (Bekannte und deshalb Freund, nicht Feind), und wie wir miteinander umzugehen haben (am selben Strang ziehen). Folgerichtig haben wir also noch wirklich nett geplaudert, während sie die nötigen Formulare ausfüllte, und als ich sie dann auch von mir selbst aus daran erinnerte, dass ich bitte die offizielle Abholgebühr bezahlen möchte, war unser Vertrag dann nicht nur geschlossen, sondern auch besiegelt. Das wusste ich aber da noch nicht.

Die ältere Beamtin holte also mein Paket ohne Wenn und Aber, und winkte mich freundlich Richtung Zollschalter weiter, wo es von der nächsten, diesmal deutlich jüngeren Beamtin begutachtet und ausgehändigt werden sollte. Juhu, dachte ich, jüngere weibliche Beamtin, die wird sicher nicht so ein Machtdemonstrationsbedürfnis haben wie der Herr im Dezember, vielleicht bleibt ja diesmal das Messer in der Schublade.

Pustekuchen, a propos Vorurteile. Auch hier durchliefen wir das freundliche Begrüßungsritual, zusammen mit einer anderen Kundin wurde auch lobend meine  Sprache sowie mein Outfit aus Kitenge kommentiert, ich sei ja schon eine richtige Mbongo (Dar Es Salaamerin). Das Ganze mit ein paar schrägen, abschätzenden Blicken. Und dann, zack, kam wieder das Messer zum Vorschein. Die Dame hinter dem Schalter guckte mir starr in die Augen und sagte “Ich mache jetzt dein Paket auf”. Abwartend. “Ok”, sagte ich. Warum auch nicht, das ist ja ihr Job. Und wer weiß, vielleicht läufts ja wie im Dezember, wenn ich mich nicht provozieren lasse, passiert auch nix.

Die jüngere Beamtin nahm also ihr Messer und schnitt mein Paket auf. Holte sorgfältig den Inhalt heraus, guckte in jede Ecke, öffnete jede Tüte, kommentierte alles (“Warum schickt deine Mama dir denn Wäscheklammern?! Die gibts doch hier auch.”). Ich guckte neugierig mit, kommentierte mit, schließlich räumte sie alles wieder ein und verschloss das Paket fürsorglich mit Tesa. Kurze Pause. Dann wieder der starre Blick auf mich. “Jetzt will ich, dass du Zoll bezahlst.” Kurze Verwirrung, weil ich das Wort für Zoll nicht verstand. Nach der Erklärung wieder eine kurze Pause. Dann wieder: “Ich will, dass du Zoll bezahlst.” Langsam stieg mein Puls, oh nee, es ist doch alles so gut gegangen bisher – muss ich da wirklich nochmal Zoll bezahlen? Für geschenkte Wäscheklammern?? Das klingt unwahrscheinlich – was mach ich jetzt – und mit einem Blick auf die immer noch anwesende Kundin neben mir erinnerte ich mich an mein Auswahlseminar und sagte laut “Ich hab hier schon so viele Pakete abgeholt” (Lüge) “und noch nie Zoll bezahlt” (Wahrheit), “was soll denn das? Ist das neu? Ist Ihnen das schon mal passiert?”, letzteres zur anderen Kundin. Die lachte verlegen und sagte, nein, das wäre ihr auch neu. Ein kurzes Hin- und Herdiskutieren mit der jüngeren Beamtin später, ich wurde immer wütender, zückte die Dame ihren Taschenrechner, rechnete den Paketwert von 28 Euro in 68 000 TSH um, drückte ein paar Mal auf ihren Taschenrechner und schrieb dann eine Zahl auf meinen Abholschein. Den drückte sie mir in die Hand und sagte, “jetzt bezahl Zoll”. “Wie viel denn”, fragte ich. “37 000 TSH”, antwortete sie. Spätestens da wäre mir fast der Kragen geplatzt, das kam mir alles zu spanisch vor. Auf ein Paket mit Geschenken von zuhause merkwürdige 51,387 (oder so)% Zoll zu bezahlen, während wir alle anderen Pakete von zuhause bisher zollfrei erhalten haben, das erschien mir einfach absurd. Und 37 000 TSH hatte ich auch nicht dabei. “Dann komm halt wieder, wenn du das Geld dabei hast. Das Paket bleibt dann solange hier”, war die Antwort der Beamtin. Aber so leicht wollte ich nicht aufgeben, und mir kam eine Idee. “Warte, ich möchte mit jemandem reden”, zischte ich und stapfte wutschnaubend davon, während die Zollbeamtin fröhlich grinste.

Zweierlei Dinge meine ich, hier schon häufiger beobachtet zu haben:
1) Vitamin B hilft immer, und
2) älteren Menschen gegenüber erweist man Respekt.
Also dachte ich, ich teste mal, was mein neu geschlossener Beziehungsvertrag so aushält. Stiefelte also zurück zum ersten Schalter und wartete auf die ältere Beamtin, mit der ich davor nach mäßigem Start doch noch nett geplaudert hatte. Die Situation so malerisch wie diplomatisch umschreibend (das wichtigste sagt man auch hier nicht mit Worten, sondern “…”-Pausen) legte ich ihr dar, dass ich plötzlich Zoll bezahlen sollte, auf Dinge, die ich bisher immer für zollfrei gehalten hatte, dass mir das vorher noch nie passiert war, dass ich doch “ganz normal” hier arbeite, und auch noch als Freiwillige (also, zwischen den Zeilen, keine von den ignoranten weißen Touristen bin oder sein will, die mit viel Geld, aber wenig Geduld nach Tansania reisen), und ich gar nicht wüsste, was ich jetzt machen sollte, ob sie mir nicht helfen könnte?

Sie überlegte kurz, und sagte dann, “komm mal mit”. Nahm mich mit zurück zur Zollbeamtin, sprach kurz leise mit ihr, gab wieder, was ich ihr gesagt hatte, und sagte dann laut zu uns: “Ihr seid doch beide Mädchen!” (in Beziehungsvertragssprache: Ihr seid doch auf der gleichen Seite und solltet beide am gleichen Strang ziehen!) “Jetzt redet nochmal miteinander, aber ordentlich, unterhaltet euch nochmal, freundlich, unter Mädchen.” Gesagt, getan. Mit honigsüßer Stimme sagte die Schalterbeamtin zu mir “Warum hast du mir denn nicht sofort gesagt, dass du Freiwillige bist, das kann ich doch nicht wissen. Hier kommen jeden Tag so viele Leute…. da kann ich doch nicht wissen, wer wer ist. Hättest du mir das doch sofort gesagt!”, und mit ebenso honigsüßer Stimme antwortete ich ein “oh Entschuldigung, das wusste ich ja nicht, natürlich, das hätte ich sagen sollen, bitte verzeih mir!”. Ein paar Höflichkeiten hin und her später sagte dann die Zollbeamtin leise zur älteren Dame: “Was machen wir denn jetzt – ich hab den Betrag schon auf den Abholschein geschrieben.” – “Moment”, sagte meine Helferin, und verschwand mit dem Schein. Ihre Abwesenheit überbrückten wir mit weiteren Freundlichkeiten und ein bisschen Gerede darüber, wer wir so sind. Und, sieh an, so bin ich Physiotherapeutin, und die junge Zollbeamtin hat ein Kind, das zufälligerweise auch Physiotherapie gebrauchen könnte. Zudem wohnt sie weit weg vom Zentrum und muss jeden Tag mehrere Stunden mit dem Bus zur Arbeit und zurück fahren. Sie verlässt morgens um sechs das Haus und ist über zwölf Stunden fort. Und wenn sie einen typischen Lohn für Staatsangestellte bezieht, vielleicht so ähnlich wie der der Angestellten bei uns im Krankenhaus, vermute ich, dass sie es ziemlich schwer hat, von ihrem Lohn zu leben und außerdem noch zwei Kinder zu versorgen. Über solche Gespräche verging die Zeit, wir tauschten unsere Handynummern aus, und schwupps war die ältere Beamtin da, mit einem neuen Abholschein, auf dem gar keine Zollgebühr vermerkt war. Wieder schwupps, und der alte Abholzettel war zerrissen, und genauso schnell war ich mit meinem Paket unterm Arm aus dem Abholzentrum verschwunden.

In Gesellschaft von außerordentlich verwirrten Gefühlen verbrachte ich den Heimweg. Was, wenn ich eigentlich wirklich hätte Zoll bezahlen sollen und den tansanischen Staat damit um zwar recht wenig, aber trotzdem benötigtes Geld betrogen hätte? Aber nee, so viel Zoll, und das zum ersten Mal, und so “leicht” widerrufbar, das klingt doch nach “Zoll”, nicht nach Zoll? Gut, dass ich auf die Idee gekommen bin, die ältere Beamtin um Hilfe zu fragen. Nett, dass sie mir geholfen hat. Und die andere war dann ja zwar honigsüß, aber doch auch irgendwie nett. Mag ich die beiden eigentlich? Neee, irgendwie sind sie mir trotzdem unsympathisch, mit diesen Machtspielchen. Und trotzdem kann ich sie verstehen. Und selber habe ich mich ja genauso verhalten, habe das Machtspiel mitgespielt. Nach ihren Regeln. Und leicht haben die beiden es ja sicher auch nicht. Sicher ein nerviger Job. Und dann die Jüngere mit ihren beiden Kindern.

So sponn die Gedankenmühle weiter, zu einem abschließenden Urteil bin ich nicht gekommen. Aber den Zettel mit der Handynummer habe ich sorgfältig in den Tiefen meiner Tasche begraben, wo das Risiko sehr gering ist, dass er jemals wieder zum Vorschein kommt. Und dann war ich erleichtert, als ich endlich zuhause war, wo mir niemand mehr das Paket abnehmen konnte. Ein Paket im Wert von 28 Euro, ein bisschen viel Trara um sowas, könnte man denken. Aber das stimmt nicht, Pakete von Mamas, wenn man weit weg wohnt, sind unbezahlbar.  Das Auspacken war ein wunderbarer, lohnender Abschluss dieses lehrreichen Tages.

Over and out, voraussichtlich muss ich hier nie wieder ein Paket im zentralen Postbüro abholen. Ich bin nicht traurig drum.

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Es war einmal: ein Paket.

Zima moto

Heute um elf Uhr vormittags hat Mosha plötzlich gesagt, “komm mit, wir gehen Feuer löschen”. Wir haben kurzerhand die Physio Unit zugemacht und die ganze Physio ist geschlossen gen Vorratshaus gewandert. Dahinter ist eine große freie Fläche, auf der heute Brandlöschübungen für das ganze Krankenhaus stattfinden. Sogar ich Freiwillige war dabei und musste mich auf eine Anwesenheitsliste schreiben. Normalerweise bekomme ich gar nicht erst mit, wenn solche Veranstaltungen stattfinden.

In unserer Gruppe waren außerdem Ärzte und Pfleger von den Medical Wards. Zusammen haben wir uns einen kurzen Vortrag darüber angehört, welche unterschiedlichen Arten von Feuer es gibt und welche Feuerlöscher. Ich war ganz stolz, weil ich ganz schön viel verstanden habe, obwohl alles auf Kiswahili war. Der Feuerwehrmann, der uns unterrichtet hat, hat allerdings auch an allen kritischen Stellen englische Wörter eingebaut, als hätte ers geahnt. Also, dies hier habe ich gelernt (falls gewisse Feuerwehrprofis mitlesen, korrigiert mich gerne):

  1. Feuer braucht drei Voraussetzungen,  zu brennen: Brennstoff, Sauerstoff und Hitze.
  2. Es gibt drei Typen von Feuer, Je nach Brennstoff: A – festes Material brennt, z.B. Papier oder Holz; B – flüssiges Material brennt, z.B. Öl; C – flüchtiges Material brennt, Gas.
  3. Beim Löschen nicht auf die Flammen zielen, sondern auf die Flammenquelle.

Nach dem Vortrag durften die, die wollten, mal ausprobieren, wie man löscht.


Ich habe mich skeptisch auf Abstand gehalten.


Aber als Mzungu (=Weiße/Europäerin) kann man sich nicht so gut verstecken, und so wurde ich dann auch gefreiwilligt. Ich habe mit einem Feuerlöscher gelöscht, der vorne einen Trichter hat, den man nur am Griff anfassen darf, weil der Trichter sehr kalt wird. Gebrannt hat Benzin in einem Metallgefäß. Das Löschen ging eigentlich ganz fix, als ich dann mal kapiert hatte, dass ich den Feuerlöscher vergessen hatte zu entsichern. Dazu hab ich auch nur fünf “Remove safety pin!!!”s des Instrukteurs gebraucht.

Also, zima moto, Feuer löschen, können wir jetzt am Amana. Mal sehen, was der nächste Kurs wird. Ich hätte da einen Vorschlag…

Waschtag

Heute ist siku kuu, Feiertag. Wie in Europa auch benutze ich den Feiertag, um Liegengebliebenes zu erledigen. Heute ist mal die Wäsche dran. Eine ‘Maschine’ Wäsche, 2 Stunden Waschzeit. Allerdings haben wir ja gar keine Maschine, sondern nur unsere Hände (und dankbarerweise fließendes Wasser). Deswegen mach ich jetzt nach dem schrubben, wringen, reiben, spülen erstmal ne Pause auf dem Sofa!​
Es macht übrigens viel mehr Spaß, bunten Stoff zu waschen, als langweiligen einfarbigen. Und beim Aufhängen und Abnehmen und Zusammenlegen bin ich immer viel stolzer und zufriedener als nach so ner popeligen Maschinenwäsche zuhause!

DIY*-Guide: Gute Tage, schlechte Tage einfach selbst herstellen

In meinem Arbeitsalltag hier war von Anfang an das Vertrauteste und Verlässlichste der ständige und regelmäßige Wechsel zwischen guten und schlechten Tagen und längeren guten und schlechten Phasen. Dieser Rhythmus hält sich seit dem ersten Monat recht zuverlässig, außer, dass die meisten schlechten Tage nicht mehr ganz so schlecht sind wie am Anfang. Die guten Tage sind dafür aber noch stabil genau so schön, guter Deal, würde ich sagen.

Ich weiß nicht genau, wie dieser Rhythmus zustande kommt, das einzig Verlässliche ist eigentlich wirklich, dass es ständig wechselt. Das ist natürlich insofern schön, dass man an einem schlechten Tag weiß, dass auch wieder gute Tage kommen werden. Ansonsten ist dieser Wechsel ziemlich unkontrollierbar, und das passt mir natürlich gar nicht. Deswegen habe ich mich mal hingesetzt und versucht, die einzelnen Zutaten für gute und schlechte Tage herauszukristallisieren. Ich bin so weit gekommen, dass ich jetzt einen kleinen Ratgeber schreiben kann, der zugegebenermaßen Nischencharakter aufweist. Falls ihr Hilfe dabei braucht, gute oder schlechte Tage herzustellen: Bittesehr!

Mirjams Tipps für schlechte Tage auf der Physio Unit:

  • Erstmal schlecht schlafen, am besten mit einer Prise Albträumen gewürzt.
  • Zu lange gezogenen schwarzen Tee frühstücken und die Abfahrt gen Arbeit so lange hinauszögern, dass man sich zuhause schon schämt, wie viel zu spät man dran ist.
  • Auf Arbeit ankommen und erstmal keine Patienten haben, obwohl man schon so spät dran ist und sich deshalb doch noch beeilt hat.
  • Sich dann erstmal in unser Personalräumchen zurückziehen, idealerweise ist nichts los, damit man in Ruhe unabgelenkt in schlechter Laune versinken kann.
  • Nach viel überlegen entscheiden, dass man jetzt gerade zu faul ist, draußen bei Mama Kisuras Kiosk Wasser kaufen zu gehen.
  • Anfangen, über die Zukunft nachzudenken. Besonders eignen sich Themen wie Arbeitsbedingungen, Lohnentwicklung und Existenzberechtigung von Physiotherapeuten in Deutschland. Rentenalter ist auch ein gutes Thema. Davon angestoßen kann man dann einen kleinen Rückblick einleiten und analysieren, was man alles in der Vergangenheit falsch gemacht hat, dass man es geschafft hat, mit 28 Jahren noch keinen einzigen Cent in die deutsche Rentenkasse einzuzahlen.
  • Über den kleinen Zwischengedanken, dass es ja eigentlich ganz nett ist, in ein Land geboren zu sein, in dem alle Einwohner theoretisch Zugang zum Rentensystem haben, auf das Land vor der eigenen Nase gestoßen werden, in dem Rente und Krankenversicherung ein Luxus ist, der einem großen Teil der Bevölkerung vorenthalten bleibt.
  • Nachgrübeln, wieviele Menschen hier welche Hilfe eigentlich brauchen könnten und an wie vielen Ecken man eigentlich gleichzeitig anfangen müsste, um wirklich etwas zu verändern, und völlig verzweifeln. Sich dann mit der Nase voran ins Internet stürzen und in die Welt der bunten Bilder und klugen Texte von anderen Leuten auf Instagram eintauchen.
  • Nach mehreren Stunden plötzlich wieder ins Hier und Jetzt gezogen werden, weil da doch jemand ist, der Behandlung möchte und dem vielleicht hier und jetzt geholfen werden könnte.
  • Merken, dass man dem unschuldigen Patienten die Unterbrechung der Ablenkung übel nimmt, dass man am Hier und Jetzt wirklich gar kein Interesse hat, eigentlich überhaupt niemandem helfen möchte und vor allem überhaupt nichts tun, und sich dann von ganzem Herzen selbst als schlechten Menschen beschimpfen.
  • Den Patienten von jemand anderem behandeln lassen, dem Durst endlich nachgeben und vor die Tür gehen, nur um festzustellen, dass das Wasser in Mama Kisuras Kiosk schon ausverkauft ist.

 

Mirjams Tips für gute Tage auf der Physio Unit:

  • ausgeschlafen sein.
  • Irgendwas leckeres frühstücken und Kaffee trinken, und dabei ein gutes Buch lesen.
  • Nach der Ankunft auf der Arbeit direkt den ersten Patienten haben ODER sich direkt auf eins der 123462 Kleinprojekte stürzen, die man sich schon ewig vorgenommen hat. Zum Beispiel: Die eine Vokabel nachschlagen, die einem IMMER fehlt. Oder der ständig wieder weggeräumten Ausrüstung einen eigenen Platz samt 5S-Schildern schaffen. (Im Amana läuft alle Ordnung (angeblich) über 5S. Bei uns auf der Physio wird das geradezu akribisch eingehalten. Sogar auf den Deckenventilatoren kleben Schilder mit der Aufschrift “Ventilator” (nicht, dass irgendwer die falsch wegräumt….). Alles, was keinen beschrifteten Ort hat, hat gar keinen Ort und wird entfernt, in versteckte Kartons in hintersten Ecken, oder Mülleimer.)
  • 3-4 weitere Patienten haben, am liebsten 1-2 Kinder dabei, und zwischendurch höchstens zehn Minuten Pause.
  • Glück haben: die richtigen Worte finden, die Patienten verstehen, selbst verstanden werden, das Gefühl haben, dass man tatsächlich irgendwie helfen konnte.
  • Dann noch fix besonders ordentlich ins geliebte Dokumentierheft schreiben und merken, wie schnell die Zeit heute vergeht, und vor allem: keine Zeit zum Grübeln haben. Vielleicht noch was essen gehen und dann mazoezi mit lauter und lebhafter Musik leiten, und die Genugtuung haben, erst um 17:30 auszustempeln.
  • Um das nochmal zu betonen: Von alldem hilft am aller- aller- allermeisten: keine Zeit zum Grübeln zu haben.

    *DIY = Do It Yourself

 

Wenns kein Schneider ist

Hier mal die Kurzmeldungen der letzten Wochen:

  • Ingrid ist, weh oh weh, wieder abgereist. Ich war ziemlich traurig, andererseits heißt das aber auch: meine letzte Besuchsphase ist vorbei und ich habe Zeit, mich nochmal richtig auf meinen Alltag zu konzentrieren. Nach fast ununterbrochenem Besuch seit Mitte Mai habe ich mich richtig auf den Alltag gefreut. Und den werde ich jetzt versuchen zu genießen, denn plötzlich habe ich nur noch zweieinhalb Monate hier!IMAG4662
  • Auf der Arbeit läuft es mal so, mal so. Mal habe ich einen Tag drei Patienten, mal gar keinen. Manchmal habe ich einen guten Tag und bin motiviert, manchmal schleppe ich mich in jede Behandlung wie einen Sack matschige Tomaten. Meine Erfahrungen mit diesem Hin und Her könnte ich mal in einem kleinen Ratgeber zusammenfassen.
  • Die mazoezi-Gruppe ist nach einem kurzen Anfangshype erheblich geschrumpft. Außer uns Freiwilligen haben wir momentan nur zwei Stammgäste. Die beiden kommen dafür aber jedes Mal und sind mit so viel Freude dabei, dass es trotzdem Spaß macht.
  • Im CCBRT (siehe Status quo) war ich noch nicht, und der Verlag der AIMS-Skala hat sich auch noch nicht gemeldet.
  • Ich bin seit kurzem ein bisschen rothaarig, dank Ingrids und Hennas freundlicher Unterstützung. IMAG4682
  • Unseren Freund und Schneider Ally hatten wir schon länger im heimlichen Verdacht, einen Großteil unserer Aufträge outzusourcen. Als ich letzten Dienstag ein paar Stunden in seinem Atelier verhockt habe, habe ich ihn über eine (unverschämt leckere) Sansibarsuppe mal gefragt, wer denn jetzt eigentlich die Kleider näht, wenn wir Stoffe zu ihm bringen? Da hat er mir erklärt: Das macht er nicht, er ist nämlich nur Herrenschneider. Er hat aber einen befreundeten Schneider in Buguruni (15 Dalaminuten entfernt), der passenderweise nur Damenschneider ist, und so helfen sie sich gegenseitig mit den Bestellungen aus und machen selbst nur Änderungen. Das erklärt einige Missverständnisse und schiefe Größen und war das Aha-Erlebnis der Woche. Typische Situation als Sprachanfänger in ungewohnter Situation: Er hat uns vielleicht am Anfang erklärt, dass er nur Herrenschneider ist. Wir haben es vermutlich einfach nicht verstanden, und irgendwie hats dann doch funktioniert. Ja, die komischen Einwanderinnen, die ihre Kleider beim Herrenschneider schneidern lassen anstatt beim Damenschneider schräg gegenüber… IMAG4697

    Das wars fürs erste aus der Ilala Zone. Bis demnächst. Da erzähl ich dann mal, wies so ist, im Amana auf Station zu arbeiten, als Physio also. Das machen wir nämlich inzwischen auch ab und zu.
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