Zwei Tage essen

Die Zeit fliegt, und unsere letzten Wochenenden alle Freiwilligen zusammen schmelzen dahin! Klar, das wir eins davon nutzen mussten, um nach Stonetown auf Sansibar zu fahren. Die engen Gassen und vielen Cafés (und Touristen) versetzen uns nämlich fix und effektiv in die beste Urlaubsstimmung.

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Samstag morgen ging es los, und obwohl ich eine eher übervorsichtig Reisende bin und gerne schon Stunden vorher am Abfahrts/-flugsort, haben wir uns kurz vor knapp noch ein Frühstück vor dem Fährterminal gegönnt. Oben präsentiert Lia euch Uji, warmen süßen Porridge. Eine der klassischen tansanischen Frühstücksalternativen.

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Dank Frühstück waren wir dann so spät an der Fähre, dass wir gar nicht auf die Boardingzeit warten mussten, sondern einfach aufs Boot marschieren konnten. Lia war fix wie immer und hat uns die allervordersten allerbesten Plätze geschnappt, direkt am “Bug”. Die Azamfähre (einer von zwei Fähranbietern) zwischen Dar es Salaam und Stonetown ist ein Katamaran, man kann also direkt vorne am Wasser sitzen, während man mit riesiger Geschwindigkeit gen Sansibar saust und der Fahrtwind einem fast die Augen zu den Ohren hinaus pustet. Wir hatten einen strahlenden Morgen mit wenig Seegang erwischt. Wasser, Fähre und die Aussicht auf einen Ortswechsel, raus aus der großen Stadt, taten das ihre und prompt war ich entspannt und fröhlich und meine letzte Heimwehphase – wie weggepustet!

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Nach knappen zwei Stunden Fährfahrt waren wir in Stonetown angekommen. Kaum hatten wir unser Gepäck im AirBnB abgeladen, ging es geradewegs zum Coffeehouse, genau wie ich es mir in langer Vorbereitungszeit erquengelt hatte. Da gibts nämlich Gewürzkaffee mit Milchschaum, und obwohl es mir etwas peinlich ist, mein Herz an (äußerst schnell) Vergängliches zu hängen, macht mich wenig glücklicher als just Gewürzkaffee mit Milchschaum.

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Mit diesem furiosen kulinarischen Auftakt war das weitere Programm schnell geklärt. Unser gesamter Aufenthalt lief unter dem unausgesprochenen Motto: “Wie viele Mahlzeiten können wir in 30 Stunden Stonetown quetschen?” Antwort: Viele. In Form von: ersten und zweiten Frühstücken

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ersten und zweiten Mittagessen

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Wassermelonensaft und Suppe vor “Searching for Sugarman” im MovieCafé (in das ich schon seit meinem allerersten Stonetownbesuch unbedingt mal reinwollte – und jetzt hats geklappt!)

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mehr Kaffeepausen

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zur Abwechslung mal Tee, als Gutenachttrunk

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Und italienischen Abschiedsgnocchi. Dazwischen gabs auch mal Eis, Sotojo (Joghurt mit Mohn, Erdnüssen und Dattelsaft), und natürlich den obligatorischen Besuch auf dem Forodhani, Stonetowns Park, der sich abends in einen Streetfoodmarkt verwandelt und uns mit Shawarma und Sansibarpizza (eine Art gefüllte Omeletts), Meeresfrüchten und anderem Guten füttert.

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Wenn wir gerade nicht essen waren, haben wir in die kleinen Touristenlädchen gelugt und Unnötigkeiten erstanden. Oder uns in Stonetowns Gassen verirrt.

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Zeit für eine Stadtführung haben wir auch noch gefunden, und endlich eine Gelegenheit, uns Bao erklären zu lassen! Unser Stadtführer und Spiellehrer war Eddie, Mentor der DTP-Freiwilligen auf Sansibar, die wir im April auf unserem Zwischenseminar kennengelernt hatten.

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Nach so vollen Stunden kam es mir gar nicht wie ein kurzes Wochenende, sondern wie eine ganze Woche Urlaub vor, als wir uns Sonntagnachmittag auf den Nachhauseweg machten.

Und die nächste Reise wartet schon: Am Freitag geht es für Louisa und mich los nach Kigoma. Vor uns liegen gut 40 Stunden Zugfahrt (ein Weg!) – wir tuckern einmal quer durchs ganze Land. Mal sehen, wie wir nach so einem bunten Wochenende mit dieser Entschleunigung zurechtkommen.

Altes, neues Pflaster. Stationsarbeit und Freiwilligenkarma

Vielleicht erinnert ihr euch – ich hatte mal angekündigt, euch ein bisschen von Lutz’ und meiner Arbeit auf den wards, den Stationen, zu berichten, die wir seit April langsam angefangen haben. Mir fällt es schwer, darüber zu schreiben, meine Eindrücke übersichtlich festzuhalten und ein ungefähres Bild davon zu geben, wie ich die Stationsarbeit erlebe. Einmal habe ich das bisher in Angriff genommen, für meinen weltwärts-Bericht Ende Juli (wir schreiben pro Quartal einen Bericht über unsere Arbeit ans weltwärts-Programm und unsere Entsendeorganisation). Hier der Auszug über die Stationsarbeit:

Wie schon mehrfach beklagt und bejammert, sind wir zwei Freiwilligen auf der Physiotherapiestation ja eher „mäßig“ ausgelastet. Das Zwischenseminar hat uns da Anstoß gegeben, ein paar Ideen zu testen, wie wir uns selbst ein bisschen besser auslasten könnten.

Eine dieser Ideen war, Physiotherapie auf den Stationen, den wards, anzubieten. Das wurde uns vorher von Mosha, unserem Chef in der Physiotherapie, als unmöglich verkauft, wegen Abrechnungsstreitereien mit der Krankenhausleitung. Als ich als Freiwillige aber einfach den Krankenhauschef dazu gefragt habe, war das plötzlich kein Thema – wir zwei Physiofreiwilligen haben also seither offiziell die Erlaubnis, Physiotherapie auf den Stationen umsonst anzubieten.

Seitdem haben wir ein bisschen herumexperimentiert mit möglichen Arbeitsweisen. Wir haben uns zuerst die medizinischen Stationen vorgenommen und uns am Anfang zur täglichen Visite (ward round) gesellt, um den medizinischen Hintergrund mitzubekommen, uns ein Bild von der Arbeit auf Station zu machen und die für uns relevanten Patienten zu identifizieren.  Der anfängliche Plan war, dass Lutz montags, mittwochs und freitags auf Station arbeitet und ich dienstags und donnerstags. So hätten wir Abwechslung während der Arbeitswoche, müssten nicht zwischen Station und Physiotherapie hin- und herhetzen (und jedes Mal wieder die Arbeitskleidung wechseln) und gleichzeitig könnten wir uns einander in der Ambulanz vertreten bzw unsere jeweiligen Patienten auf unsere Ambulanztage buchen. Davon haben wir allerdings aus mehreren Gründen wieder abgesehen:

  • Die ward round dauert jeden Tag ca 3 Stunden, den ganzen Vormittag. Da viele Informationen in der ward round für uns a) nicht relevant und b) nicht verständlich sind, ist es ineffektiv, jeden Tag bei der ward round dabei zu sein.
  • Während die ward round läuft, ist es schwierig, Patienten zu behandeln, weil man mal hier, mal dort im Weg ist.
  • Nach der ward round ist bis 13 Uhr Besuchszeit, in der man noch mehr im Weg steht.

Es macht also für uns mehr Sinn, unsere Tage zwischen Ambulanz und Station aufzuteilen – vormittags Ambulanz, da vormittags dort auch die meisten Patienten kommen, und nachmittags Station, wenn sowohl ward round als auch Besuchszeit vorbei sind.

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Ward 3, die Männerstation, von außen. Angehörige warten vor der Station auf die nächste Besuchszeit.

Trotzdem ist es schwierig, eine Arbeitsroutine auf den Stationen zu etablieren. Für uns sind nur Patienten relevant, die immobil sind, also sich nicht selbstständig bewegen können, wegen Krankheit oder Behinderung oder eingeschränktem Bewusstseinszustand. Solchen Patienten können wir helfen, sich regelmäßig zu bewegen, was theoretisch einer Vielzahl von Komplikationen vorbeugt (z.B. Muskelschwund, Gelenkkontrakturen, Wunden, Lungenentzündungen). Praktisch sind aber die Patienten, die auf Station kommen und immobil sind, in ihrer Krankheit so weit fortgeschritten, dass wir nicht mehr viel beitragen können. Viele unserer bisherigen Patienten hatten Aids im Endstadium und sind teils wenige Stunden nach unserer Behandlung verstorben. Das ist psychisch für mich eine ganz neue Belastung und macht es schwer, in unserer Behandlung einen Sinn zu sehen. Oft komme ich mir vor, als wenn ich diese Patienten in ihrem Sterbeprozess störe und „aus dem Bett zerre“, wenn sie eigentlich ganz andere (medizinische!) Hilfe bräuchten, die sie wegen fehlenden finanziellen Mitteln und Material nicht bekommen. Das ist schwer zu rechtfertigen und zu verarbeiten.

Es ist eigentlich keine Neuigkeit für mich, wie die Stationen aussehen, wie dort gearbeitet wird und was dort passiert. Viele schwer Kranke haben weder Krankenversicherung noch die finanziellen Mittel, Behandlungen zu bezahlen, und kommen daher erst ins Krankenhaus, wenn ihre Krankheit schon weit fortgeschritten ist. Es fehlt an allen Ecken an Material, oft gibt es keine Betttücher und manchmal teilen sich mehrere Patienten ein Bett. Traditionell gesehen ist Krankenpflege hier Aufgabe der Familie, was bedeutet, dass pflegerische Aufgaben fast nur von den Besuchern der Patienten in der Besuchszeit erledigt werden.  In der Zwischenzeit bleiben viele pflegerischen Aufgaben „liegen“. Das bedeutet, dass Patienten zum Beispiel stundenlang mit eingenässten Hosen oder Laken auf Station liegen, dass Müll und Körperflüssigkeiten einfach nicht von Materialien und Möbeln entfernt werden. Die hygienischen Zustände sind dementsprechend schlecht. Von unserer behüteten kleinen Physioambulanz kommend (wo es komischerweise immer genügend Bettlaken gibt), ist es schockierend, diese Zustände zu sehen und zu ertragen – vor allem, wenn gleichzeitig ausgebildetes Pflegepersonal und Ärzte in Mehrzahl im Pausenraum sitzen und mit ihren Handys beschäftigt sind. Ich kann verstehen, dass es frustrierend ist, auf Station auch als gut ausgebildetes Personal nur Flickwerk leisten zu können, und das in einer Vielzahl von Überstunden zu einem lächerlich niedrigen Lohn. Trotzdem ist es mir schwer verständlich, die Arbeit, die meiner Ansicht nach einfach irgendwie gemacht werden muss, einfach nicht zu machen.

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Besuchszeit auf ward 3, der medizinischen Station für Männer

Ein weiterer problematischer Punkt sind für uns die Gesundheitsrisiken auf Station. Viele Patienten auf Station haben infektiöse Krankheiten oder Verdacht darauf, beispielsweise Meningitis oder Tuberkulose. Mit dem Infektionsrisiko wird vom Pflegepersonal und vor allem auch Ärzten für unsere Begriffe sehr nonchalant umgegangen. So erfahren wir zum Beispiel nicht immer oder zu spät, wenn Patienten ansteckende Krankheiten haben. Unter den Ärzten scheint es eine Art medizinische Machokultur zu geben, die die Befolgung von Hygienevorschriften (Handschuhe, Mundschutz tragen) als ängstlich und unmännlich abwertet. Wir, vor allem mein männlicher Kollege, werden ausgelacht, wenn wir beispielsweise den Mundschutz nicht erst in unmittelbarer Nähe eines TB-Patienten anziehen.

All diese Punkte machen es mir schwer, auf Station zu gehen. Dazu kommt auch, dass wir auf Station neue Kollegen haben und uns ganz neu einen Platz in uns bisher unbekannten Hierarchien schaffen müssen. Das führt dazu, dass mich meine Besuche auf Station oft sehr verunsichern und frustrieren. Ein bisschen erinnert es an die ersten Wochen im Krankenhaus, es ist, als wenn ich wieder ganz von vorne anfangen muss. Ich bin mir noch nicht sicher, ob und in welcher Form ich die Arbeit auf Station sinnvoll finde und weiterführen möchte. Ich merke, dass ich diese Arbeit so schwierig finde, dass ich es vermeide, überhaupt auf Station zu gehen. Ein Ziel für die nächsten Wochen und Monate ist es, uns Physiofreiwillige auf Station bekannt zu machen und mit dem Stationspersonal zu klären, wann, wie und mit welchen Patienten wir arbeiten können. Dazu will ich uns und die Möglichkeit von Physiotherapie auf Station in den nächsten Wochen in den Morgenmeetings der einzelnen Stationen vorstellen. Im Idealfall können sich dann die Stationsärzte bei Physiotherapiebedarf direkt an uns melden, so dass wir nur auf Station gehen, wenn es dort relevante Patienten für uns gibt.

Seit diesem Bericht sind inzwischen fast zwei Monate vergangen. Ich habe uns seitdem tatsächlich in immerhin einem Morgenmeeting vorgestellt und meine Telefonnummern samt kurzer Info über Physio auf Station im jeweiligen Pausenraum der medizinischen Männer- bzw. Frauenstation aufgehängt. Drei Mal bin ich bis jetzt angerufen worden. Insgesamt hat unsere Präsenz auf Station inzwischen wieder abgenommen. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Ärzte nicht genau wissen, wann sie uns rufen könnten, und einfach andere Prioritäten haben – sie haben Arbeit ohne Ende, und Physiotherapie fällt da leicht unter den Tisch, was ich ihnen nicht verübeln kann. Vor allem aber liegt es auch daran, dass wir die Stationen meiden, uns nicht zeigen und nicht durch unsere Gegenwart an unser Angebot erinnern. Wie in allen anderen Bereichen des Lebens ist es auch hier leichter, das Schwere zu meiden, solang man nicht gezwungen ist, sich damit auseinanderzusetzen. 0% edel, 100% wahr.
Gleichzeitig haben wir den riesigen Karmavorteil aller Freiwilligen: Wir müssen nix. Alles, was wir tun, ist Bonus, über die Standardversorgung hinaus. Und wenn wir nix tun, ist halt einfach nur alles wie immer. Da könnte man eigentlich sein Gewissen drauf ausruhen. Glückt nicht so richtig. Aber zum Handeln reichts trotzdem selten.

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Vorsucht Sehnweh Heimfreude

  • Noch 5 Wochen, noch 34 Tage
  • Noch ne halbe Deoflasche
  • Noch 10 Mal mazoezi leiten
  • Noch 1 Mal meine Tage kriegen
  • Noch 2 Mal reisen
  • Noch 2 Mal Bettwäsche waschen

Ja, ungefähr so lang ists noch, bis wir wieder zurück nach Deutschland fliegen. Ich versuche immer wieder, meine Stimmung und Entwicklung in diesem Jahr zu verstehen, und teile es deshalb in Gedanken gerne in Phasen auf.

Gerade scheine ich mich in der letzten Heimwehphase zu befinden. Ich sehne mich nach zuhause, male mir meine Ankunft und die Zeit danach in den tollsten Farben aus, plane eifrig Reisen zu Freunden, feile an Jobbewerbungen und freue mich geradezu unverschämt doll auf Weihnachten. Gleichzeitig kommen mir hier die Tage zäh und eintönig vor. Bis vor kurzem hat mich mein Gehirn immer wieder daran erinnert, was ich hier wohl vermissen werde. Jetzt bin ich allem überdrüssig, auch dem Guten, bin gereizt und ungeduldig, auf der Arbeit hat meine Motivation einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Ich versuche, das zu verstehen (warum auch immer ich meine, das verstehen zu müssen) und denke mir: Das hier ist meine letzte Chance, nochmal Heimweh zu haben. Jetzt ist meine Rückkehr nämlich schon so nah, aber doch noch so weit entfernt, dass es sich gerade noch lohnt, Heimweh zu haben. Jetzt kann ich mich nach allen, die ich vermisse, nochmal ausführlich sehnen, sogar mehr als vorher, denn jetzt ist das Ende der Abstinenz in Sicht. Jetzt kann ich mein Heimweh nochmal richtig ausleben. Vorher musste ich vielleicht einen Teil verdrängen, sonst wäre zu viel auf einmal gekommen und ich hätte nur nach Hause gewollt. Und noch kann ichs mir leisten, von Zuhause zu träumen: noch bin ich früh dran mit Bewerbungen, muss mich noch nicht ernsthaft darum kümmern, wieder richtig anzukommen und wieder mal einen neuen Alltag aufzubauen und Fuß zu fassen.

Ich hänge zwischen den Welten und zwischen den Zeiten, nirgends so richtig. Um diese merkwürdige Zeit angenehm zu verbringen, flüchte ich mich in Bücher und auf Reisen. Am Wochenende machen wir nochmal eine gemeinsame Kurzreise nach Stonetown auf Sansibar, Lia, Lutz, Louisa mit Besuch und ich. Und nächste Woche Freitag starte ich zusammen mit Louisa eine Zugreise quer durch Tansania, bis nach Kigoma an den Lake Tanganyika. Das wird bestimmt nochmal viel Abwechslung bringen, und danach kann ich dann auch schon langsam anfangen, zu packen….. Ich freu mich auf euch!

Bilder aus dem Alltag

Wenn ich Besuch habe, sehe ich meine Welt hier nochmal aus anderen Augen. An was ich mich schon gewöhnt habe, das findet mein Besuch neu und spannend. Und wenn der Besuch dann auch noch ungewöhnlich viel Freude am fotografieren hat, dann kann ich euch Bilder zeigen davon, was mein Alltag hier ist, es in Europa gar nicht so gibt:

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Kleinste Essensstände auf der Straße. Wie ihr seht, wird auch mal direkt am Straßenrand auf Kohle gebacken. Meist verkaufen Frauen selbstgebackene maandazi (süße frittierte Hefekrapfen), vitumbua (das gleiche nur mit Reismehl), chapati (in viel Öl gebackene, dicke Pfannekuchen), samosa (mit Hackfleisch oder Kartoffeln gefülle, dreieckige Teigtaschen), Kuchen oder mihogo, frittierter Maniok. Im Bild: Vitumbua und chapati.

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Es gibt auch viele kleine mobile Verkaufsstände, an denen frische, junge Kokosnüsse zum Trinken verkauft werden, oder Orangen, oder Papaya, oder gegrillte Süßkartoffeln, oder andere Früchte.

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Verkauft wird alles mögliche an jeder Ecke zu jeder Gelegenheit. Kleinst-business, “biashara”. Viel davon sind billige Plastikimporte aus China, ein Erbe aus Jakaya Kikwetes Wirtschaftspolitik, wie ich vermute.

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Es ist recht gewöhnlich, dass Häuser hier keine Wasserleitungen haben oder zumindest kein fließend Wasser, deshalb kann man bei Bedarf kanisterweise Wasser kaufen und in Tonnen in der Küche und im Bad aufbewahren. Seht ihr die Klingel rechts am Rad? Die kann der Wasserverkäufer vom Handgriff aus ans Rad kippen, worauf sie schrill die Straße entlangschallt und wirklich niemand verpassen kann, dass gerade der Wasserverkäufer vorbeikommt.

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Wer dagegen in mehrstöckigen Mietshäusern mit fließend Wasser und anderen Herrlichkeiten wohnt, ist meistens eher reich. (So wie wir.)

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Der öffentliche Verkehr wird mit Daladalas bestritten, Kleinbussen, die so aussehen. Je nach Buslinie sind sie mit unterschiedlichen Farbstreifen versehen, oben türkis heißt: Der Bus fährt nach Tabata/Segerea. Die zwei Endstationen, zwischen denen die Busse pendeln, stehen außerdem auch vorne auf em Bus. Eine Fahrt, egal wie lang, kostet vierhundert tansanische Shilling. Es gibt einen Fahrer, dereva, und einen Schaffner, conda. Der (selten auch die) Conda ruft an Haltestellen die Fahrtrichtung aus, während der Fahrt die nächsten Haltestellen, und sammelt während der Fahrt das Fahrgeld ein. Der Dereva kennt alle Ecken und Winkel der Stadt, durch die man mit mehr oder weniger effektiven Schleichwegen dem äußerst zähen Berufsverkehrstau entgehen kann. Außerdem kennt er die Maße seines Dalas bis auf den letzten Milimeter, was er gerne und oft unter Beweis stellt.

Photo credit: Nr. 1 Ingrid, Rest: Papa.

Eine Hochzeit. Fest in drei Akten. Akt III: Trauung.

Endlich, nach monatelanger Planung und zwei Wochen nach Beginn der Festperiode, wartete das große Finale: Die Trauung.
Im Gegensatz zu Kitchen Party und Send-Off wird die Trauung, beziehungweise das Fest danach, von der Familie des Bräutigams geschmissen. Da wir zur Seite der Braut gehören und den Bräutigam gar nicht kennen, wurden wir spontan… eingeschmuggelt. Zitat Gloria: “Ja, wenn ihr schon zur Kirche kommen wollt ist das super, dann könnt ihr danach einfach mitfahren zum Fest, dann merkt niemand was.” Pustekuchen, natürlich merken alle was, aber wir wurden stillschweigend toleriert.

Der Plan war also, dass Louisa und ich (Lia hatte Besuch von ihrer Familie) am Tag der Hochzeit nach Banana fahren sollten, und von dort mit dem extra für Glorias Familie gemieteten Dala weiter zur Kirche. Treffpunkt war um zwei Uhr nachmittags verabredet, die Trauung sollte um vier Uhr beginnen. Wir frühstückten gemütlich, dann war es Zeit für die Vorbereitungen. Die Trauung erschien uns als wichtigstes Fest und dementsprechend schick wollten wir sein! Deshalb ergriff ich die günstige Gelegenheit und latschte nach dem Frühstück zum ersten Mal in den Salooni bei uns um die Ecke, mit dem Louisa schon gute Erfahrungen gemacht hatte. Ihr fragt euch vielleicht, was man in so einem Salooni wohl macht?
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Ratet mal!

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Richtig, Haare flechten, “kusuka”. Es gibt 284611 (oder so) Arten, sich die Haare flechten zu lassen, ich habe mich für eine entschieden, bei dem die Zöpfe inklusive Extensions an den Kopf geflochten und der “Rest” zu einem Riesenknoten geformt und festgenäht (!) wird.
Hier saß ich also, erst eine Stunde, dann zwei, und dann noch ein paar. Zwischendurch rief Gloria an und fragte, ob wir nicht schon eine Stunde früher am Treffpunkt sein könnten? Die ehrliche Antwort war “nein”, und auch für eigene Transportmöglichkeiten lief uns langsam die Zeit davon. Mir liefen zu 59% Schmerz- (ziept ziemlich, und jaja ich bin auch sehr empfindlich) und zu 41% Zeitdruckschweiß die Stirn herab.

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Aber mit etwas Eile wurden wir doch noch rechtzeitig fertig und saßen schließlich mit Geschenken bewaffnet im Bajaji, das uns zur Kirche bringen sollte. Gloria hatte mir den Namen der Kirche per SMS geschickt, über Google Maps ward eine Kirche gefunden, ich dirigierte dementsprechend den Bajajifahrer und nach ein bisschen Stau und ein paar unbekannten Straßen kamen wir um 16:01 an der katholischen Kirche an. Der Bajajifahrer tuckerte seines Weges und wir atmeten erleichtert auf, fast noch pünktlich! Und natürlich hätten wir uns gar nicht so stressen brauchen, die Vorbereitungen waren noch im Gange. In der kleinen Kirche probte noch der Chor, die Gäste kamen gerade erst an.

Darunter allerdings niemand, den wir kannten, wie wir feststellten. Auch weit und breit keine Gloria in Sicht. Nicht, dass wir uns im Ort geirrt hatten?? Aber alles deutete ja auf eine Hochzeit hin, beruhigten wir uns, die wohlgekleideten Menschen und da das geschmückte Hochzeitsauto, das vorfuhr.
So richtig mulmig wurde uns erst, als wir feststellten, dass die Gäste alle in rot gekleidet waren. Farbcode für “unsere” Trauung war nämlich blau oder weiß. Ich zückte nochmal mein Handy und verglich den Namen der katholischen Kirche, den Gloria mir geschickt hatte, mit dem Schild vor meiner Nase. Ja, das war auf jeden Fall nicht die gleiche Kirche. Google Maps war es wohl persönlich peinlich, die gesuchte Kirche nicht finden zu können, und hatte mir stattdessen eine mit ähnlichem Namen als Resultat ausgespuckt. Auf drei neue Suchen mit dem gleichen Namen bot es mir dann noch drei alternative Kirchen im Umkreis von grob 70 km an. Und ich hatte mich einfach blindlings drauf verlassen.(JAJA DAS KANN SCHON MAL PASSIEREN!) Dass wir am falschen Ort waren, bestätigten auch die Gäste, die in lautes Lachen ausbrachen, als wir nachfragten und ihnen erzählten, wo wir eigentlich hätten hinsollen. “Bleibt doch hier und feiert mit uns”, schlug einer vor, “Hochzeit ist Hochzeit!”. Allerdings waren sie dann sehr hilfsbereit und riefen einen befreundeten Bajajfahrer an, der uns mithilfe ihrer Beschreibung an den richtigen Ort bringen sollte.
Wieder im Bajaji, wir waren inzwischen um zwanzig Minuten verspätet und uns grauste ein wenig vor unserem Extraauftritt in der Kirche, aber wir waren froh, diesmal richtig dranzusein. Der Bajajifahrer kannte sogar eine Abkürzung und tuckerte mit uns kleine, unbefestigte Staubstraßen auf und ab. Der Weg war doch nochmal ganz schön lang.
Im Zielort angekommen, fragte er Passanten noch fix nach der katholischen Kirche und hielt schließlich vor einem großen Gebäude. Das sah auch wirklich nach Kirche aus, von mir aus auch nach katholischer Kirche. Allerdings standen wir vor einem geschlossenen Tor. Wir wurden wieder misstrauisch. “Ja ja, das ist schon richtig hier!” komplimentierte uns der Bajajifahrer ungeduldig aus seinem Gefährt, das wir aufgrund unseres Misstrauens erst gar nicht verlassen wollten. Dann stiegen wir doch aus, obwohl uns das Gelände für eine Hochzeit ungewöhnlich verschlafen erschien. Aber irgendwo sang leise ein Chor, also gut, wir ließen den Bajajifahrer ziehen. Gingen aufs Tor zu – abgeschlossen. Gingen zum Nebeneingang – abgeschlossen. Ohje. Das Bajaji weg, wir mitten in einem verschlafenen Nest, wo wir noch nie waren, ohne Bajajis, ohne Dalas in der Nähe. Aber irgendwo sang doch wer? Auf der Suche nach der Geräuschquelle gingen wir einmal um die halbe Kirche. Auch das vordere Tor war abgeschlossen, aber hinter einem Zaun neben der Kirche meinte ich, jemand weißgekleideten auszumachen, Louisa sah schon Gäste in Blau, wir gingen hoffnungsfroh um die Ecke, und trafen  –
den Gemeindechor, mitten in der Probe. Wieder falsch. Inzwischen war es fast fünf, und unsere Stimmung… drückt am besten Louisas Miene aus, ich taufe dieses Bild “tapfere Resignation”:
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Der Chorleiter machte uns aber Hoffnung, die richtige Kirche wäre nun wirklich nicht mehr weit weg, allerdings wäre das zu weit, um zu Fuß zu laufen. Wir legten, getreu dem Motto: Wenns langsam nicht geht, dann halt langsamer, erstmal eine Sodapause ein. Dann schwangen wir uns auf zwei Pikipikis/Motorradtaxis und düsten die letzten Kilometer zur richtigen Kirche. Aller guten Dinge sind drei, und diesmal kamen wir wirklich am richtigen Ort an! Neben der Kirche war außerdem ein Internat, und auf die Kirche zu flanierten wir an einer langen Reihe neugieriger Schüler vorbei. Unsere verspätete Ankunft war also nicht ganz so diskret, wie wir uns das gewünscht hätten. Aber, Ende gut, alles gut, Grace und Philipo waren schon verheiratet, aber wir bekamen noch den Segen und den Auszug und den sehr engagierten Gemeindechor mit, und den lautstarken Gesang und Tanz der Gäste. Eine äußerst lebhafte Veranstaltung!

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Da die Kirche renoviert wurde, hatte die Trauung in einem kleineren Nebengebäude stattgefunden. Zum Bilderschießen gings dann aber zur großen Kirche, die die eindeutig imposantere Kulisse abgab.

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Und noch ein Bild, und noch ein Bild…. und dann noch eins mit der Familie der Braut:

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Viele, viele Bilder und Minuten später saßen wir alle dann sicher im Familiendala auf dem Weg zum Festort.
Dachten wir. Aber nein, vorher wurde noch ein Fotostop gemacht, auf dem Gelände eines tansanischen Ministeriums. Dort gibt es nämlich, haltet euch fest:

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Einen begehbaren Miniatur-Kilimanjaro. Der scheint das Mekka aller Hochzeitsfotografen zu sein, außer uns waren noch mindestens 26,375 andere Hochzeitsgesellschaften vor Ort, um sich der Reihe nach auf dem Gipfel ablichten zu lassen. Das ist doch die (hö-hö-)Höhe, dachten wir uns, und vertrieben uns die Zeit mit weitaus sinnvolleren Dingen.

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Zum Beispiel damit, zu testen, exakt wie weit ich meinen Hals aus einem Busfenster ausfahren kann.
Zu guter Letzt wurde es dunkel und der Kilimanjaro kam trotz Plastikschnee nicht mehr so doll raus auf den Fotos, also machten wir uns wieder auf den Weg – diesmal wirklich zum Festort.
Als wir ankamen, blieb uns fast die Spucke weg – die Feier fand in einer riesigen, aufwändig dekorierten offenen Halle statt.

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Wir wurden von Gloria an einen Tisch geschleust, der MC, der Moderator, ergriff das Mikrofon, und das Fest ging los. Vom Ablauf her erinnerte es sehr an die Send-Off-Party. Es begann mit der Begrüßung und dem tanzenden Einzug der wichtigsten Protagonisten: zuerst die Familie des Bräutigams, dann die Familie der Braut, und schließlich das Brautpaar.

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Die weiteren Festordnungspunkte waren: Champagner (dh. einmal mit Glas am Brautpaar vorbeitanzen und anstoßen), einige Reden,

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Kuchen (von der großen Hochzeitstorte gab es auf jedem Tisch einen kleinen Ableger),

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immer wieder Tanz im Kreis, ein großes Büffet und Geschenke, die wie auf der Send-Off-Party und auf der Kitchen Party dem Brautpaar tanzend überreicht wurden.

Zu guter Letzt waren vor der Verabschiedung nur noch zwei Tänze übrig – die Bräutigams- bzw. Brautfamilien tanzten zu ihrem jeweiligen traditionellen Stammeslied. An unserem Tisch sprangen plötzlich alle auf und Louisa und ich bekamen kurzerhand Glorias schlafende Nichten auf den Schoß gesetzt.
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Hier seht ihr mich mit meiner Namensvetterin Miriam, die mich übrigens im wachen Zustand – wie viele Kinder hier – wegen meiner Hautfarbe ein bisschen unheimlich fand. Aber beim Schlafen sieht man ja zum Glück nichts. Und weil wir nach den Tänzen alle ungefähr so müde waren wie Miriam, fand der Abend  mit einer offiziellen Danksagung und Verabschiedung ein schnelles Ende. Nach Hause wurden wir glücklicherweise wieder mit dem extra gemieteten Familienbus gebracht und hatten also keine Chance, uns wieder zu verirren. Ende gut, alles gut!

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Gloria mit ihrer Nichte Magdalena, Miriams großer Schwester.

Eine Hochzeit. Fest in drei Akten. Akt II: Send-Off.

Eine gute Woche nach Graces Kitchen-Party war es Zeit für Teil zwei der großen Hochzeitsfeierei: die Send-Off-Party. Wie der Name schon sagt, thematisiert sie den Abschied der Braut von ihrer eigenen Familie und ihre Ankunft in der Großfamilie des Bräutigams, zu der sie nach der Hochzeit gehören wird.
Arrangeur dieser Feier ist traditionellerweise die Familie der Braut; ihr Vater der Gastgeber. Da wir ja zur Brautseite “gehören”, konnten wir also diesmal den richtigen, offiziellen Weg eingeladener Gäste gehen, das heißt mit Contribution (finanzielle Beisteuerung) und Einladungskarte. Die ganze Ilala-WG war am Start.

Die Send-Off-Feier war deutlich größer geplant als die Kitchen-Party, gut zweihundert (in Zahlen: 200) Gäste wurden erwartet. Das war natürlich ein Anlass, sich besonders schick zu machen, und mal unsere schönen Kitengekleider auszuführen. Farbthema der Feier war gelb oder rosa.

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Um kurz vor sechs wurden wir zuhause abgeholt, von Glorias Bruder, der uns freundlicherweise chauffierte. Ab ging es in den Stadtteil Ubungo, wo ein großer Festplatz gemietet war. Wir waren mit die ersten Gäste, wurden von Graces und Glorias Familie begrüßt und aufs Festgelände geschleust. Unter inzwischen nachtdunklem Himmel war eine Bühne aufgebaut, eine große Zahl von Tischen und Stühlen und eine riesige Musikanlage. Die Braut war noch nirgends zu sehen.

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Nach und nach trudelten die anderen Gäste ein, wir setzten uns an unseren Tisch, versuchten, das gedruckte Abendprogramm zu entziffern, und irgendwann ging es tatsächlich los, mit lauter Musik und Moderation. Durch den Abend führten zwei MCs, von denen einer ziemlich angeheitert war. Nachdem er uns entdeckt hatte, verbrachte er einen Großteil seiner Arbeitszeit damit, alle anwesenden Gäste mit wiederkehrenden Kommentare über die “Mzungus” (Weiße/Europäer) zu belästigen, die er fälschlicherweise als Graces Studienkommilitonen aus China interpretiert hatte. Wir wurden also bis über die Nervgrenze hinaus mit Kommentaren bedacht oder zu spontanen Tanzeinlagen aufgefordert. Zum Glück war der andere MC nüchterner, und der DJ so schlau, die Lautstärken der MC-Mikrofone jeweils anzupassen.

Richtig begann das Fest mit den Einzügen der jeweiligen Familie. Zu lautem Bongo-Flava tanzte erst die Familie der Braut, dann die Familie des Bräutigams ein. Einen extra Auftritt bekamen danach die Brautjungfern, die choreographiert aufs Festgelände tanzten, Gloria ganz vorne rechts mit dabei.

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Die komplette Feier wurde übrigens gefilmt und in Echtzeit auf zwei Leinwänden übertragen, damit auch die weiter weg sitzenden Gäste das Geschehen gut mitverfolgen konnten.

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Und schließlich zog auch die Braut ein – ganz in orange!

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Zusammen mit der ersten Brautjungfer nahm sie vorne auf der großen Bühne Platz, und das Programm startete richtig durch. Ich weiß nicht mehr genau, in welcher Reihenfolge alles passierte, aber es gab mehrere Reden, von Graces Vater, Tante und Onkel, es gab Kuchen,

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der feierlich von der Braut angeschnitten und dann an die Gäste verfüttert wurde. Ebenso gab es Champagner für die wichtigsten Gäste und darauf eine Runde, in der die Gäste an der Braut vorbeitanzten, um mit ihr anzustoßen. Auch sonst wurden die Reden und die Moderation der MCs immer wieder durch Tanz unterbrochen, und zwar durch Tänze zu den traditionellen Stammesliedern der Familie der Braut bzw. des Bräutigams und natürlich den typischen Hochzeitstanz Kwaito, eine Art Gruppen/Reihentanz mit einer einfachen Schrittfolge, bei dem die komplette Gruppe sich nach einer Runde jeweils um 90° dreht. Schlau wie sie ist, hatte Gloria uns vorher kwaito beigebracht, deswegen konnten wir mittanzen! Wie ihr sicherlich wisst, tanze ich unglaublich gerne, deswegen war das für mich einer der schönsten Momente des Abends.

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Hier sind wir allerdings grade nicht dabei, sonst hätte ich das Bild nicht machen können, logisch, ne. Im Vordergrund seht ihr übrigens Toni, den Erstgeborenen von Mama Toni, Glorias Cousine, bei der die Kitchen Party stattfand. Toni ist genau wie ich leidenschaftlicher Tänzer und stand auf dem ganzen Fest kaum still, was ich gut nachvollziehen konnte.

Ein weiterer Höhepunkt des Abends war die Bräutigamsuche. Es ist Tradition, dass sich der Bräutigam während der Send-Off-Feier unter den Gästen versteckt und als Programmpunkt von der Braut gesucht und gefunden werden muss. Nach der erfolgreichen Suche folgte eine Art Schauspiel über die Verhandlung des Brautpreises zwischen dem Vermittler und in unserem Fall der Tante der Braut. Der Vermittler vermittelt, wie der Name schon sagt, zwischen den Familien. Er wird von der Bräutigamsfamilie ausgesucht (darf aber nicht aus der Bräutigamsfamilie stammen), um den Brief mit dem Heiratsantrag an die Familie der Braut zu senden, und transportiert im Folgenden auch die Briefe mit den Verhandlungen über den Brautpreis zwischen den Familien hin und her. So hat Gloria mir das erklärt. Wie ernst diese Tradition des Brautpreises verfolgt wird, weiß ich nicht so genau, sicher variiert das auch. Der Bräutigam muss also der Brautfamilie eine offizielle “Ablösesumme” bezahlen, die die Familie der Braut für die “wegfallende Arbeitskraft entschädigt”. Dieser Preis kann in Geld oder Vieh bezahlt werden, wobei auch Viehangaben einem bestimmten Gegenwert in Geld entsprechen, z.B. eine Kuh einigen hunderttausend tansanischen Shilling, eine Ziege dagegen nur einigen Zehntausend. Also, wie gesagt, ich weiß nicht genau wie ernst das durchgeführt wird, ich glaube in vielen, vor allem moderneren Familien in den Städten, ist das vor allem eine eher symbolische Tradition.
Im Zuge dieses Schauspieles tanzte übrigens auch die Familie des Bräutigams vor die Bühne und überreichte der Brautfamilie einen großen Koffer. “Was ist da drin”, fragten wir Glorias Bruder – “Das Brautkleid!”, war die Antwort.

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Gruppenfoto mit frisch gefundenem Bräutigam, Braut, erster Brautjungfer und Best Man.

Als der Bräutigam glücklich gefunden war und ergo alle Festteilnehmer anwesend, war es Zeit für das Büffet. Tischweise zogen wir am Büffettisch vorbei und bekamen unsere Teller vollgeladen. Ähnlich wie bei der Kitchen Party gab es Reis, Pilau, Kochbananen, gegrilltes Hühnchen, Spinat, Salat und  als Nachtisch Melone und Kuchen. Wieder wurde mit den Händen gegessen, was mein zwischenzeitlich nach der Kitchen Party (ich glaube, die Kuchenreste waren schuld) etwas angeschlagener Bauch diesmal gut vertragen hat.

Als letzten Punkt auf der Festordnung war wieder die Geschenkeübergabe vorgesehen. Ähnlich wie auf der Kitchen Party tanzten also die verschiedenen Gästeparteien und -grüppchen vor Braut und Bräutigam vorbei, übergaben ihre Geschenke und gratulierten. Wieder wurden alle Geschenke offen vorgetragen und überreicht, zum Teil in die Hände gegeben, zum Teil zu Füßen gelegt und zum Teil umgehängt.

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Auch wir wazungu/missverstandene Chinesen wurden extra aufgerufen. Wir waren nicht so personenstark unterwegs wie die anderen Geschenkgruppen, hatten unsere Geschenke eingepackt, weshalb sie vergleichsweise mickrig aussahen, und natürlich wurde noch immer alles gefilmt, weshalb wir alle ein bisschen schüchtern unterwegs waren. Glücklicherweise verließ Gloria kurzzeitig ihre Position am Gabentisch und half uns dabei, ordentlich an der Braut vorbeizutänzeln. Sonst hätten wir uns ganz schön verloren gefühlt.

Nach ungefähr einer halben Stunde Geschenkeabgabe und -annahme war auch diesmal das Fest erstaunlich schnell vorbei. Die MCs dankten allen Gastgebern und Gästen, und schon erhoben sich alle und fingen an, sich auf den Ausgang zuzubewegen. Auf dem Weg weg vom Festgelände nutzten wir noch die Chance, einen Schnappschuss vor der Fotowand zu machen, das hatten wir vorher nämlich verpasst.

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Zu guter Letzt deckten wir uns dann noch mit Papierfotos ein, die von den anwesenden Fotografen geschossen und auf dem Weg nach draußen zum Verkauf bereit lagen. Dann stiegen wir ins extra für die Gäste organisierte Privat-Dala, das uns bis Buguruni mitnahm, und fielen zuhause in die Betten. Am nächsten Tag war Montag, also ein Frühaufstehtag. Dank des klaren Programms und Schlusspunktes war es aber erst zehn oder elf Uhr abends, als wir zuhause ankamen, und deswegen waren wir am nächsten Tag weder verkatert noch müde. Ganz im Gegensatz zu meinem Chef, der auf einer anderen Send-Off-Party gewesen war, aber das ist eine andere Geschichte…

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Drei auf Papier.

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Louisa und Gloria, typisches Dreamteam.

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Best Man, Bräutigam Philippo und Braut Grace.