Nebel

Es ist grau. Düster. Seit Tagen habe ich keine Sonne gesehen, nur Wolken und Regen. Seit sechs Tagen, genaugenommen: Seit dem kalten, nebligen Mittwoch, an dem ich wieder im deutschen Herbst gelandet bin.

Seitdem wabert mitteleuropäischer Herbstdunst um mich herum, lullt mich ein, dringt in meine Ohren, meine Nase, meinen Kopf und legt mich lahm. Ich schlafe lange, verwöhnt von Dunkelheit und Stille, sauge beides in mir auf, als wollte ich ein ganzes Jahr Dunkelheit und Stille nachtrinken. Zwischendurch versuche ich, zu begreifen. Es kommt mir ganz fantastisch vor, dass zwischen einen grauen Abflugsmittwoch im Oktober und einem grauen Ankunftsmittwoch im Oktober ein ganzes Jahr Platz findet. Der Rückkehrerkater hat mich voll im Griff. Dieses Jahr auf der Südhalbkugel, unter der ständigen Sonne, in ständigen Lauten, Leben, Farben und Staub, kommt mir vor wie ein seltsamer Traum, aus dem ich langsam erwache.

Und was für ein Traum, eine ganze Welt war das, nicht immer schlüssig, aber doch in sich geschlossen mit ihren Protagonisten, Kulissen, Spezialeffekten. Sogar eine eigene Sprache hat sie, Laute, die mir erst fremd, dann vertraut waren, und deren Sinn sich langsam wieder in ein wolkiges Echo verzieht.

War das alles wahr? Diese lange, lange Zeit, und dass sie tatsächlich irgendwann zu Ende ging?

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– Wir haben also die Wand weiterverziert.

Das Resultat hat jetzt…


Hand und Fuß. Obwohl ansonsten eigentlich immer entweder Lutz oder ich Kalauerdienst haben, verdanken wir die Füssios Louisa.


“Bila tofauti bila mila” heisst so viel wie “ohne Unterschiede keine Kultur” und das fasst sowohl uns als Gruppe als auch unser Jahr ganz gut zusammen.

– Wir haben eine erste äusserst schlecht besuchte Abschiedsfeier in der Physio geschmissen. Es kamen vier Leute, von unseren Kollegen war nur die Hälfte da und wir hatten nachher fast Schwierigkeiten, kiloweise übrig gebliebene mandazis und mihogo unters Volk zu bringen. Im Laufe des Tages haben wir allerdings auch erfahren, dass morgen eine Abschiedsfeier für uns vier Amanafreiwillige geplant ist. Bin mal gespannt!

– die Neuen sind da! Plötzlich ist bei uns die Bude voll und statt Abschiedsstimmung herrscht Neuanfang. Ich fühle mich wie in unseren ersten Tagen und frage mich, wo plötzlich ein ganzes Jahr hin verschwunden ist. So nah mir die Gedanken an meine Rückkehr vorher waren – obwohl es jetzt nur noch drei Tage bis zum Abflug sind, ist der gedanklich schon wieder in weiter Ferne verschwunden.

Aber es fühlt sich gut an, alles in neue frische Hände zu übergeben. Wir zeigen viele Orte und Routinen aus unserer Zeit hier, und ich bin umso gespannter, was die neue Generation sich selbst an Orten und Routinen erarbeiten wird. Sie sind eine große Gruppe, insgesamt neun Leute, fünf davon werden am Amana arbeiten – zwei Physios, zwei Kinderkrankenschwestern auf der Neonatologie und eine Hebamme. Ich bin so gespannt, wie sie alles erleben werden und wünschte, ich könnte immer mal wieder Mäuschen spielen… Manche werden bloggen, und ich werde eifrig weiterlesen!

So, jetzt gehts ein erstes/letztes Mal zum Strand. Meine Koffer sind übrigens schon fast vollständig gepackt.

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Heute: zwei Patienten, ein gemütliches Shawarma auf der Bank vor der Physio, dann eine Schlagenlinienodyssee durchs Krankenhaus und nach Hause, um mit allen Freunden noch Abschiedsfotos zu schießen.

Danach ins laute bunte Kariakoo, um die Fotos auszudrucken und wie im Wahn reihenweise Abschiedsgeschenke zu besorgen. 

Und als wir dann wieder zuhause gelandet waren, begann die große Bastelstunde. Wenn man nämlich eh schon viel zu tun hat, wär es ja langweilig, die Geschenke einfach zu verpacken. Ist ja viel spannender, zu testen, wie weit man die eigene Stressobergrenze dehnen kann.

Einen krönenden Abschluss fand unsere Bastelstunde gerade eben mit einem halben Liter Wandfarbe und viel buntem Nagellack.


Unsere Vorgänger haben sich letztes Jahr auf einer der Wohnzimmerwände verewigt, und das wollten wir auch! Allerdings haben sie gut vorgelegt, und Lia (oben) und wir mussten ein bisschen darüber grübeln, wie wir uns denn austoben wollten. Das Resultat zeig ich dann, wenns getrocknet ist!

10, 9,…

Unglaublich, aber wahr: mein Jahr hier geht zu Ende. Vom Zeitberg sind nur noch Krümel übrig. Ich kann das noch gar nicht richtig fassen, denn eigentlich ist noch alles wie immer. Der ‘Frühling’ ist da, es wird wieder heißer, nach ein paar laueren Monaten seit Mai haben wir jetzt wieder regelmäßig unsere Deckenventilatoren in Benutzung. Die Klimaanlage auf der Physio war kaputt, ist jetzt repariert. Die Mangosaison fängt langsam an. Ich schreibe seit Tagen an einem Blogeintrag über Kigoma, aber es gibt so viel zu erzählen, dass der einfach nicht fertig werden will. Also alles wie immer, Routine.

Aber gleichzeitig haben wir schon angefangen, zu packen. Wir haben angefangen, von Orten Abschied zu nehmen und von Patienten. Jetzt warten nur noch drei reguläre Arbeitstage auf uns. Am Freitag ist Feiertag, und unsere Nachfolger kommen an. Dann gibt es noch einmal intensive erste und letzte Einführungstage und dann sind wir auch schon weg! Morgens früh am 19. geht unser Flieger.


Gestern haben wir zusammen mit Daniel und Eliza, seiner Freundin, noch einen letzten Tag auf Bongoyo am Strand verbracht, mit schlafen, schwimmen, im lauen Wasser dümpeln, Ballspielen und leckerem gegrillten Fisch.


Heute haben Lia und ich noch fix die Chance ergriffen, uns in unserer Lieblingsarbeitskleidung abzulichten (wir haben uns vor einiger Zeit Kasaks aus kitenge schneidern lassen).


Und gerade eben habe ich mich von meinem ersten Lieblingspatienten verabschiedet. Harubu wurde im November geboren und seitdem habe ich ihn begleitet und konnte ihn wachsen sehen. Er hat Erb’s palsy, eine Nervenläsion im rechten Arm, und kann seinen Arm deswegen nicht richtig bewegen. Ist allerdings schon viel besser geworden und für mich war es total spannend, seine Entwicklung zu verfolgen.

Später warten noch vorvorletzte Mazoezi, ein Besuch beim Schneider und dann gehts nach Hause, weiter packen. Verrückt.

PsssT

Habe ganz vergessen, euch den Link für meinen Septembertext in der pt zu dealen! Bittesehr: Hier schreibe ich (mal wieder) über die mazoezi-Gruppe. Mehr dazu hab ich schonmal hier und hier geschrieben. Da ich die Texte für die pt jeweils einige Monate im Voraus schreibe, sind sie nicht mehr ganz aktuell. Aber sie reichen bestimmt trotzdem noch zu ein bisschen Lesefreude/Prokrastinationsmaterial/Linkzappen😉

Zwei Tage essen

Die Zeit fliegt, und unsere letzten Wochenenden alle Freiwilligen zusammen schmelzen dahin! Klar, das wir eins davon nutzen mussten, um nach Stonetown auf Sansibar zu fahren. Die engen Gassen und vielen Cafés (und Touristen) versetzen uns nämlich fix und effektiv in die beste Urlaubsstimmung.

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Samstag morgen ging es los, und obwohl ich eine eher übervorsichtig Reisende bin und gerne schon Stunden vorher am Abfahrts/-flugsort, haben wir uns kurz vor knapp noch ein Frühstück vor dem Fährterminal gegönnt. Oben präsentiert Lia euch Uji, warmen süßen Porridge. Eine der klassischen tansanischen Frühstücksalternativen.

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Dank Frühstück waren wir dann so spät an der Fähre, dass wir gar nicht auf die Boardingzeit warten mussten, sondern einfach aufs Boot marschieren konnten. Lia war fix wie immer und hat uns die allervordersten allerbesten Plätze geschnappt, direkt am “Bug”. Die Azamfähre (einer von zwei Fähranbietern) zwischen Dar es Salaam und Stonetown ist ein Katamaran, man kann also direkt vorne am Wasser sitzen, während man mit riesiger Geschwindigkeit gen Sansibar saust und der Fahrtwind einem fast die Augen zu den Ohren hinaus pustet. Wir hatten einen strahlenden Morgen mit wenig Seegang erwischt. Wasser, Fähre und die Aussicht auf einen Ortswechsel, raus aus der großen Stadt, taten das ihre und prompt war ich entspannt und fröhlich und meine letzte Heimwehphase – wie weggepustet!

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Nach knappen zwei Stunden Fährfahrt waren wir in Stonetown angekommen. Kaum hatten wir unser Gepäck im AirBnB abgeladen, ging es geradewegs zum Coffeehouse, genau wie ich es mir in langer Vorbereitungszeit erquengelt hatte. Da gibts nämlich Gewürzkaffee mit Milchschaum, und obwohl es mir etwas peinlich ist, mein Herz an (äußerst schnell) Vergängliches zu hängen, macht mich wenig glücklicher als just Gewürzkaffee mit Milchschaum.

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Mit diesem furiosen kulinarischen Auftakt war das weitere Programm schnell geklärt. Unser gesamter Aufenthalt lief unter dem unausgesprochenen Motto: “Wie viele Mahlzeiten können wir in 30 Stunden Stonetown quetschen?” Antwort: Viele. In Form von: ersten und zweiten Frühstücken

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ersten und zweiten Mittagessen

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Wassermelonensaft und Suppe vor “Searching for Sugarman” im MovieCafé (in das ich schon seit meinem allerersten Stonetownbesuch unbedingt mal reinwollte – und jetzt hats geklappt!)

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mehr Kaffeepausen

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zur Abwechslung mal Tee, als Gutenachttrunk

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Und italienischen Abschiedsgnocchi. Dazwischen gabs auch mal Eis, Sotojo (Joghurt mit Mohn, Erdnüssen und Dattelsaft), und natürlich den obligatorischen Besuch auf dem Forodhani, Stonetowns Park, der sich abends in einen Streetfoodmarkt verwandelt und uns mit Shawarma und Sansibarpizza (eine Art gefüllte Omeletts), Meeresfrüchten und anderem Guten füttert.

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Wenn wir gerade nicht essen waren, haben wir in die kleinen Touristenlädchen gelugt und Unnötigkeiten erstanden. Oder uns in Stonetowns Gassen verirrt.

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Zeit für eine Stadtführung haben wir auch noch gefunden, und endlich eine Gelegenheit, uns Bao erklären zu lassen! Unser Stadtführer und Spiellehrer war Eddie, Mentor der DTP-Freiwilligen auf Sansibar, die wir im April auf unserem Zwischenseminar kennengelernt hatten.

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Nach so vollen Stunden kam es mir gar nicht wie ein kurzes Wochenende, sondern wie eine ganze Woche Urlaub vor, als wir uns Sonntagnachmittag auf den Nachhauseweg machten.

Und die nächste Reise wartet schon: Am Freitag geht es für Louisa und mich los nach Kigoma. Vor uns liegen gut 40 Stunden Zugfahrt (ein Weg!) – wir tuckern einmal quer durchs ganze Land. Mal sehen, wie wir nach so einem bunten Wochenende mit dieser Entschleunigung zurechtkommen.